Vorsatz

Gedanken über die Nachhaltigkeit und zur Kunst der Vermittlung

Es ist Mittagspause – Einige viele holen sich ihre Fast food Jause.
Gewiss ist: man hat Spaß, nach ein paar Stunden wird man doppelt so hungrig sein und man hat viel Müll produziert. Der Raum in dem gegessen wird, ist austauschbar und ohne Atmosphäre, zusätzlich würde ich wetten, dass man sich nicht an das Gesicht des Verkäufers erinnern kann, der einem das Essen über den Ladentisch geschoben hat. Eine charakteristische Alltagserfahrung, die absolut nicht nachhaltig ist, sondern so durchrutscht wie das Essen, das nicht genossen, sondern „einfach“ konsumiert wurde.

Ich möchte an dieser Stelle kein Plädoyer für das super bio regionale drei Komponenten Essen im gut bürgerlichen Wirtshaus an der Ecke halten, aber da es um Nachhaltigkeit geht mache ich mir Gedanken darüber, was einen nachhaltig satt macht.
Wenn ich daran denke, wovon ich heute noch zehre, dann sind es die Erlebnisse, die am Ende nicht geglückt, nicht gelungen sind. Oder diese, welche zwar am Ende gelungen sind, aber an denen ich mich während des Tuns aufgerieben, blaue Flecke kassiert, die mich zeitweise frustriert und deren Sinn ich nicht (mehr) gesehen habe, geschweige denn verstanden habe warum ich tue, was ich tue.
Weil ich aber heute noch darüber nachdenke oder mich ertappe wie ich einiges sogar begeistert nacherzähle, was das für eine Erfahrung war, würde ich sagen es hat mich nachhaltig geprägt.
Vielleicht sogar im wahrsten Sinne des Wortes ge-bildet. Denn Bildung findet, meiner Meinung nach, statt wenn ich eine Erfahrung mache, die ich schätze oder im Nachhinein schätzen gelernt habe.

Was ich daraus ableite, und was ich als Chance für die künstlerische Vermittlung sehe, ist wie wichtig Überforderung, Herausforderung, das liebevolle Schubsen, der Fehler ist. In jedem noch so gearteten Projekt steckt dafür Potential, wenn man Theaterarbeit mit Jugendlichen nicht wie eine professionelle Theatermaschine denkt, die am Ende des X. Tages fertig sein will. Negativen Gefühlen und Erfahrungen muss Raum gegeben, wenn nicht sogar eingeplant bzw. künstlich hervorgerufen werden. Um die Beteiligten zu beteiligen, zu bewegen, ins Wollen zu bringen. Auch wenn das heißen kann nicht zu wollen!
Ich meine zu behaupten, dass man sogar in der Präsentation schon sehen kann ob dieses Projekt nachhaltig wirken wird; bei allen Beteiligten, Spielern, Künstlern, Zuschauern. Und zwar dann wenn alle Beteiligten an Emotionen teilnehmen, die in dem Moment hergestellt werden, die eben nicht wiederholt wurden sondern passieren. Zum anderen wenn alle spüren, dass Vertrauen herrscht sich zu zeigen in seiner ganzen schönen Unvollkommenheit.

Im besten Fall wird dann beim Machen und Gucken geschwitzt, es werden Kalorien verbrannt, dass man wieder hungrig wird: Hunger auf mehr.
Oder man ist so voll, das man erst mal schwört „Nie wieder !“;
man muss Verdauen, das kann dauern -
aber es bewegt sich etwas …..

Für mich ist körperliche wie intellektuelle Anstrengung ein qualitatives Parameter für Nachhaltigkeit einer künstlerischen Arbeit und muss herausgefordert werden: Es ist nicht einfach Schwarzbrot zu kauen, wenn man gewöhnt ist Weißbrot zu lutschen, aber es hält definitv länger vor.

V. R. Berlin, 2013